Bildergeschichten I: Liebe, diesseits, jenseits (Uraufführung)
Mit Dante über letzte Dinge gesprochen
"Ich hasse Museen. Da hängt ein Bild an der Wand. Starr. Du stehst da. Reglos. Du glotzt." Der "Schwermütige" aus Feridun Zaimoglus und Günter Senkels jüngstem Stück scheint es nicht auszuhalten in diesen Räumen der Kieler Kunsthalle – "Kopfschmerzen. Die Luft. Das Feierliche. Totenkammer." – und doch wird er knappe eineinhalb Stunden darin bleiben. Er wird eine Reise machen durch seine jüngste Vergangenheit, er wird Fragen über das Leben stellen und von seiner Liebe zu Thea erzählen. Er wird immer tiefer eintauchen in diese Museumswelt und ihre (Erinnerungs)bilder, und schon bald ist klar: Für ihn und seinen Begleiter den "Züchtiger" sind diese Räume eine Art Zwischenwelt. Irgendwo zwischen Diesseits und Jenseits.
Der Schwermütige und der Züchtiger
"Bildergeschichten I: Liebe, diesseits, jenseits" heißt auch das Stück, die Konstellation des Reisenden samt Jenseitsführer erinnert an Dantes "Göttliche Komödie". Geschrieben haben es Zaimoglu und Senkel als Auftragswerk für das Schauspiel Kiel, uraufgeführt hat es nun Nora Mansmann. Der Aufführungs- und auch Entstehungsort des Stückes, die Kieler Kunsthalle, machen aus dem recht Monolog-lastigen Stück eine ziemlich spezielle Bildergeschichte, in der eine kleine Gruppe an Zuschauern den beiden Hauptdarstellern durch die Ausstellungsräume folgen darf. Vor ausgewählten Werken halten "Der Schwermütige" und "Der Züchtiger" an, erinnern sich an Vergangenes und Verlorenes. Vor Anselm Feuerbachs Werk "Im Frühling" etwa erzählt Felix Zimmer ("Der Schwermütige") mit kaum merklichem Lächeln vom ersten Kennenlernen, vor Neo Rauchs "Moor" hält Rainer Jordan als "Der Züchtiger" inne, um von der Endlichkeit des Lebens und vom tauben Fährmann bei der Überfahrt zu erzählen.
Diese Bild-Text-Verschränkungen sind ganz bewusst gesetzt. Manchmal bleiben sie beiläufig leicht, werden zu freien Assoziationsketten, ein anderes Mal geraten sie plump, sind zeigefingerdicke Illustrationen des Stücktextes. [...]
Von Geräuschen gelockt oder von der strengen Museumswärterin (Claudia Petersen) geleitet wandern die Zuschauer von Raum zu Raum, sammeln Bruchstücke dieser Beziehung, hören Gedanken, Gesang und Gedichte, einen grollenden König David (Kammerschauspielerin Almuth Schmidt) und üble Nachrede (herrlich gehässig: Isabel Baumert).
Erzählte Erinnerung
Die Schauspieler agieren meist für sich selbst. Ruhig, gestisch sehr zurückgenommen sprechen sie ihre Monologe. Auch wenn "Der Züchtiger" den "Schwermütigen" auf seinem Weg zu begleiten scheint, wirken beide Figuren doch solitär und mit ihren Gedanken allein. Vielleicht ist es aber auch der getragene Sprachduktus des eingespielten Autorenduos die alttestamentarisch anmutende Wortwahl, die ihr Gespräch in eine eher leblose, abstrakte Richtung lenken. Nora Mansmann konzentriert sich in ihrer Regie ganz auf die Schauspieler und zwingt den Zuschauer zum Zuhören. Die seltsam trockene und andächtige Atmosphäre des Museums tut ihr Übriges. Mansmann inszeniert den eigenwilligen Text ruhig und genau. Ohne Zugabe von Effekten huldigt sie ihm als erzählte Erinnerung. Und wenn Thea ganz am Schluss berichtet, wie sie ihren Freund erhängt in der Wohnung aufgefunden hat, da hat sich "Der Schwermütige" bereits ganz einen Schal um den Hals gewickelt. Leise. Grausam leise.
Katrin Ullmann
Sonntag, 27. November 2011
Poetisch verschlungene Wege
Wie Bilder Assoziationen erzeugen, sich in Worte verwandeln, zu Geschichten weiterspinnen, davon erzählt "Liebe, diesseits, jenseits", der erste Teil des Projekts "Bildergeschichten", in dem Kieler Kunsthalle und Kieler Schauspiel mit den Autoren Feridun Zaimoglu und Günter Senkel Bild und Bühne in Beziehung bringen wollen.
Ein flirrender Text ist entstanden beim Rundgang der beiden durch die von Thorsten Brinkmann in Szene gesetzte Sammlung, dem die kleine Zuschauerschar, geführt von Claudia Petersen, nun folgt. So frei assoziierend und poetisch verschlungen wie man das von Zaimoglus Texten gewohnt ist, dabei so klar und sensibel in der Beschreibung der umgebenden Kunst, wie es passt zu einem, der ohnehin ständig zwischen Wort und Bild wechselt.
Ruth Bender
Montag, 28. November 2011
Bildergeschichten ohne Rahmen
Mit Kunstgriffen setzt Regisseurin Nora Mansmann humorvolle Akzente, unterstützt von Christine Hielscher, die neckische Details aus den Gemälden in die Kostüme einfließen lässt.
Sabine Christiani
Montag, 28. November 2011
Beutezug druch die Kieler Kunsthalle
„Veronica Wüst hat die zornige Beate (Eva Krautwig) und den dümmlichen Pascal (Christian Kämpfer) optisch zwischen Junkie und Penner ausstaffiert, Kumpel Manni (Immanuel Humm) besticht durch fallschirmseidene Geschmeidigkeit und coole Sprüche, die im Publikum immer wieder für Heiterkeit sorgen.“
„Bestürzend ist der Höhepunkt dieser am Ende gar nicht mehr komischen Geschichte, die das Publikum dennoch emotional auf Abstand hält. In einer abgehackten, dem Telegrammstil nicht unähnliche Sprache lässt das Autorenduo die Akteure kommunizieren. Kryptische Monologe einer Frau in Schwarz (Yvonne Ruprecht), die als "Abrahams Opfer" durch das Spiel geistert, sorgen für eine mythische Überhöhung, die das Geschehen eher verrätselt als erhellt. Anhaltender Schlussapplaus und Heimweg mit Fragezeichen.“
Montag, 2. April 2012
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