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Jean-Baptiste Lully

Atys

Text von Philippe Quinault - in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln -

Eine Oper über die Grausamkeit der Liebe: Atys liebt die schöne Sangaride, ist aber auch der Günstling der Göttin Cybele, die ihn als Priester für sich verlangt. Doch Atys entscheidet sich für seine Liebe und verurteilt sie dadurch zum Tode. Aus Rache schlägt Cybele ihn mit Wahnsinn und lässt ihn Sangaride erstechen – vor Schmerz über seine Tat bringt Atys auch sich um, doch Cybeles Mitleid verwandelt den Sterbenden in eine Pinie.

Dieses Stück als Rarität zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung: Die Oper Kiel wagt sich mit Atys an ein in Deutschland quasi unbekanntes Repertoire – die französische Tragédie en Musique von Jean-Baptiste Lully! 1676 errang der Hofkomponist Ludwigs XIV. mit Atys, der Lieblingsoper des Sonnenkönigs, einen seiner größten Triumphe. Die gesamte Prachtentfaltung des französischen Hofes kommt in diesem frühen Gesamtkunstwerk zum Ausdruck – Sprache, Gesang, Tanz und spektakuläre Maschinerien überwältigten ein staunendes Publikum. 1987 wurde mit der Ausgrabung von Atys in Paris die szenische Wiederentdeckung der französischen Barockoper eingeläutet. Für die Kieler Inszenierung konnte mit Lucinda Childs eine der prägenden Choreographinnen des 20. Jahrhunderts gewonnen werden, die das Ballett Kiel und unser Opernensemble in eine sicherlich faszinierende Verbindung setzen wird.

Premiere am 4. Oktober 2014

Mit einer Einführung jeweils 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn im 2. Foyer des Opernhauses.

Hinweis: Bei dieser Produktion wird Stroboskop-Licht in der »Wahnsinns-Szene« des fünften Aktes auf der Bühne eingesetzt.

Dauer: ca. 3 1/4 Stunden, eine Pause

 

 

Audio

Werkeinführung in zwei Minuten

ab dem 4. Oktober im Opernhaus Kiel

Pressestimmen

Wer mit der Liebe spielt (09.10.2014)

Die Oper Kiel bringt mit Jean-Baptiste Lullys Atys Sonnenkönig-Glanz an die Förde und zeigt, warum Ernst und Entertinment keine feindlichen Brüder sind.
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Es ist fasziniernd, wie aus einer »schönen Reise« in die Vergangenheit sich auf rätselhafte Weise Blicke in ihre Abgründe öffnen, herbeigezwungen von der Ausdrucksmacht der Musik und des Gesanges. Hier setzt auch die jüngste Aufführung des Werkes in der Oper Kiel an. Ein Glücksfall: Rubén Dubrovsky ... Für die Kieler Aufführung war er gehalten, das barocke Instrumentarium, das bei Christies »Les Arts florissants« zur Verfügung stand, für die Möglichkeiten eines deutschen Theaterorchesters einzurichten. Das Wagnis ist gelungen.
Zwei Cembali samt Continuo-Gruppe, im tiefen Orchestergraben höher postiert, eine sorgfältig austarierte Streicherbesetzung samt eigentlich nicht vorgesehener zweier Kontrabässe, eine fein ausgehörte Bläsersektion (für die Traum-Szenen) - das authentische Klangbild ist in dieser Wiedergabe erstaunlich nah.
...
Hier haben alle etwas gelernt, das Stadttheater wird zur Ausbildungsstätte, zur Akademie. Das hat auch etwas mit gesteigerter Disziplin zu tun, welche die Kunst insgesamt einfordert - und ist das Gegenteil von Entertainment und Einschaltquote.
Juan Sanchos sensibel intonierender Atys, subtil die emotionalen Bewegungen und Erschütterungen des Titelhelden in Gesang, Deklamation und sprechende Gestik übersetzend; Rosanne van Sandwijks Göttin Cybèle, die nach verhaltenem Beginn immer machtvoller ihren herrschaftlichen Liebes-Machtanspruch auch vokal anmeldet; Heike Wittliebs hell und klar ihre Empfindungen als verzweifelt liebende Sangaride mit schöner Präsenz ins Qui-pro-Quo der Figuren einbringend - das alles und dazu die vielen anderen dramatis personae, durchweg sehr gut besetzt, demonstrieren, wie sehr an manchen mittleren deutschen Theatern die alte Ensemblekultur gepflegt wird - hier durchweg zum Besten des Werks.

Für die Inszenierung hat man die Choreographin Lucinda Childs gewonnen, die in letzter Zeit verstärkt als Regisseurin hervortritt.  Childs ... entwickelt einen Aufführungsstil, in dem optisch klare geometrisch Formen, eine differenzierte Farb- und Lichtregie, verhaltene Gestik der Protagonisten und in den Divertissements tänzerische Aktionen in Übereinstimmung mit den dramatischen Situationen nahezu perfekt ineinander fließen. Auch historische Verweise finde sich, wie die zwei riesigen Löwen-Standbilder, die zur Ikonographie der Göttin Cybèle gehörten. Die Ausstattung von Paris Mexis, zu der auch die erlesenen, modern-phantasievollen Kostüme gehören, unterstreichen den hohen ästhetischen Anspruch der Inszenierung.

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Gerhard Rohde

Atys, Theater Kiel, Germany – review (07.10.2014)

... Atys is ... extraordinarily beautiful, as the Theater Kiel’s ambitious new production demonstrates. The evening’s greatest asset is undoubtedly Argentinian conductor Rubén Dubrovsky, who makes the augmented Kiel orchestra sound convincingly like a period-instrument ensemble and paces the whole with grace and refinement. The instrumentation, including antiphonal continuo groups, is also his, and he has clearly lavished love and care on the production. ...
Kiel has assembled a strong, even cast for the occasion, led by Juan Sancho as a honey-toned, subtly suffering Atys. He loves Sangaride (a polished performance from Heike Wittlieb), but she is to marry king Célénus (the sonorous Tomohiro Takada). Meanwhile, the six-breasted goddess Cybèle (Rosanne van Sandwijk) has taken a fancy to him; things do not end happily. Sandwijk carries her surplus mammaries with aplomb, and lends conviction to her musical rage. ... Paris Mexis’s designs are unpretentiously classical, and the focus is left firmly on Lully’s imaginative music.
For a well-rehearsed, sophisticated account of a ravishing score, it is worth making the pilgrimage to Kiel. Many larger houses do not come close to this standard of early music performance.

Financial Times UK - Shirley Apthorp

Beseelte Schachfiguren (06.10.2014)

Um [Atys] zum Leben zu erwecken, muss auf der Bühne entweder sehr viel oder sehr wenig geschehen. Und wenn es wenig ist, muss es genau das Richtige sein. Letzteres gelingt Lucinda Childs mit ihrer Inszenierung vom Huldigungsprolog an den Sonnenkönig bis zum letzten Ton. Sie schafft dies, indem sie der Handlung und ihren Figuren Raum gibt, sie dabei aber kaum einen Moment sich selbst überlässt. Ihre Personenregie atmet eine formelle Strenge, aber sie atmet eben. Und so scheinen sich die schlicht und doch prachtvoll gewandeten Sänger auf der meist nur durch wenige Symbolbauten belebten Bühne (Ausstattung: Paris Mexis) wie beseelte Schachfiguren zu bewegen. Dies hat zum einen den Effekt, dass dem Zuschauer die üblichen darstellerischen Stereotypen erspart bleiben. Zum anderen leuchten im Hintergrund zugleich die Archetypen der Mysterienkulte auf, für die das Personal der Oper im weiteren Sinne ja auch steht.

Besonders eindrucksvoll gelingt Rosanne van Sandwijk als Cybèle der Wechsel zwischen statischer Göttergestik und emotionaler Erschütterung. Dabei setzt sie ihren konturiert geführten Mezzopsopran zunächst fast diskret ein und lässt ihn im Sog der Tragödie dann immer machtvoller aufblühen. Im schönem Kontrast zu den kehligen Nuancen ihrer Stimme steht Juan Sanchos weicher, liedhaft eingesetzter Tenor. Die naturschöne Stimme, die er seinem Atys verleiht, wirkt auf der andere Seite ebenso gut mit Heike Wittliebs sternenklarem Sopran, deren Sangaride eine erhabene Anmut ausstrahlt.

 Wie souverän Lucinda Childs die Entwicklung dieser zentralen Figuren im Verbund mit den zahllosen anderen Personen der Handlung in Beziehung setzt und dabei immer wieder auf einfache Drehbühnenbewegungen zurückgreift, wie sie vorne vor geschlossenem Vorhang dann wieder freistellt: Das sind die choreografische Geniestreiche, die im Laufe des Abends immer wieder faszinieren. Dabei erscheinen die abgezirkelten Bewegungen der Sänger oft auf entschleunigte Weise den barocken Tanzimpulsen zu folgen, mit denen das Kieler Ballett die Dynamik des Geschehens veranschaulicht, akzentuiert und antreibt. Sehr organisch sind in diesen Rahmen auch Atys’ Freund Idas (kraftvoll und vielschichtig: Christoph Woo), Sandarides Freundin Doris (mit elegant schillernden Mezzofarben: Fiorella Hincapié) sowie Célénus (prachtvoll dicht: Tomohiro Takada) eingebunden.

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Auf Augenhöhe antwortet Rubén Dubrovsky aus dem Orchestergraben auf das Gelingen der Regie. Mit der in Bestform aufspielenden „Originalklang-Fraktion“ der Kieler Philharmoniker zeigt der Dirigent die vielen kleinen Wellen im langen Fluss der Musik, bürstet sie mitunter kräftig gegen den Strich und erhöht durch Details wie die doppelten Continuo-Gruppen ihre Reize. Der die meiste Zeit ebenfalls aus dem Orchestergraben heraus singende Opernchor verbindet sich dabei homogen mit der Musik, wie die organische Zusammenführung aller Kräfte des Theaters überhaupt zu den größten Vorzügen der Produktion zählt.

Kieler Nachrichten - Oliver Stenzel